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Vier kleine Mäuse und ein Elephant

Die Cello Akademie Rutesheim hat ihre Konzertwoche am Sonntagabend mit einer Uraufführung eröffnet: Wen-Sinn Yang spielte Schostakowitschs erstes Cellokonzert in seiner eigenen Fassung für vier Violoncelli.

Bericht: Mathieu Kuttler, Musikwissenschaftler (M.A.)
Fotos: Stephan Haase

Bericht vom 26.10.2026

Sechzehn Jahre hat Wen-Sinn Yang auf diesen Abend gewartet. So lange dauerte es, bis seine Bearbeitung von Dmitri Schostakowitschs erstem Cellokonzert die urheberrechtliche Freigabe erhielt. In der Halle Bühl 2 hob er sie nun selbst aus der Taufe, begleitet von drei Studierenden seiner Münchner Hochschulklasse: Tzu-Shao Chao, Yung-Tzu Wang und Lele Wangwang. Das Publikum erlebte eine Sternstunde.

Schostakowitsch schrieb das Konzert 1959 für Mstislaw Rostropowitsch und besetzte das Orchester auffallend schlank: Holzbläser zu zweit, ein einziges Horn, Pauken, Celesta und Streicher. Wie Yang diese Stimmen auf drei Celli verteilt, ist nicht nur für Kenner des Werks spannend zu verfolgen. Im unermüdlich vorantreibenden Kopfsatz übergibt er mal dem einen, mal dem anderen Begleitcello die solistischen Hornpartien oder die Pauke, die sich dem Fluss von Rhythmus und Melodik immer wieder in den Weg stellt. Auch im kantablen zweiten Satz findet Yang für jeden Abschnitt eigene Lösungen: für die brüchige Zartheit des Beginns, für die geballte Energie des Höhepunkts und für das Ausklingen, in dem die Flageoletts des Solisten mit der Celesta-Stimme Zwiesprache halten. Im Finale, das nach der Solokadenz dem Schluss entgegenrast, bewährt sich die Aufgabenteilung aus dem Kopfsatz.

Durch den Verzicht auf die Orchesterfarben wird zudem der rhythmisch-melodische Kern des Werks freigelegt. Was bleibt, sind purer Puls, Metrik und ikonische Figuren für vier Celli.

Yangs Spiel und die Balance zwischen Solist und Begleitern waren höchst gelungen, der Solist blieb stets gut hörbar. Die jungen Begleiter verstanden ihre Rollen als Horn, Pauke oder Celesta sehr genau und fanden dafür jeweils eigene Klangfarben und Charaktere. Zeitweise wurden sie selbst zu Solisten, und Lehrer und Schüler verschmolzen zu einem lebendigen musikalischen Organismus, der das große Orchester in keinem Moment vermissen ließ.

Den Solopart ließ Yang unangetastet. Die Ausgabe bei Ries & Erler in Berlin heißt denn auch „Bearbeitung des Orchesterparts für drei Violoncelli“. Yang knüpft damit an seine Studienzeit in der Berliner Klasse von Wolfgang Boettcher an, wo man die Konzerte von Schumann und Saint-Saëns in Fassungen von Richard Klemm für vier Celli spielte. Solche Fassungen sind als Werkstatt gedacht. Der Solist lernt, sich im kleinen Ensemble verständlich zu machen, die Begleiter erfahren den Orchestersatz von innen.

Dass eine solche Studienfassung an einer Akademie für den Cellonachwuchs uraufgeführt wird, und zwar mit Studierenden an den Begleitstimmen, ist folgerichtig. Dass sie auch als Konzertstück trägt, hat dieser Abend gezeigt.

Von Saint-Saëns bis Penderecki

Die erste Konzerthälfte gehörte drei Dozenten der Akademie mit drei unterschiedlichen Blicken auf das Cello.

Camille Saint-Saëns schrieb seine c-Moll-Sonate op. 32 im Jahr 1872. Im Kopfsatz fällt der intensive Gebrauch der tiefen Saiten auf. Melodie und Läufe des Cellos, aber auch die Gestaltung der Dialoge erinnern zuweilen an das erste Cellokonzert op. 33, das im selben Jahr entstand. Auch der gewichtige Klavierpart mutet zeitweise wie der Klavierauszug eines Orchesterwerks an. 

Marc Coppey und Julien Le Pape machten den binären Charakter dieses Satzes nachvollziehbar. Anklänge an das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ prägen den zweiten Satz. Zwischen perlenden Arpeggien und choralartigen Abschnitten mit Cellobegleitung entstand im Zusammenspiel von Coppey und Le Pape tatsächlich zuweilen der Eindruck, man höre Saint-Saëns an der Orgel improvisieren. In der rastlosen Leichtigkeit des Finales wiederum grüßte Felix Mendelssohn Bartholdy.

Es folgten zwei Werke des 20. Jahrhunderts.

Sebastian Klinger und Yukie Takai spielten das H-Dur-Phantasiestück aus Paul Hindemiths „Drei Stücken“ op. 8 von 1917. Sie verstanden es, die langen Linien der spätromantisch angehauchten Melodik auszuspielen und die einzelnen formalen Abschnitte durch ein kongeniales Spiel mit den Klangfarben charakteristisch zu gestalten.

Danjulo Ishizaka schließlich spielte Krzysztof Pendereckis Divertimento für Cello solo, ein Werk der späteren Jahre, in denen Penderecki sich längst von der Avantgarde seiner Anfänge gelöst hatte. Satzbezeichnungen wie Sarabande, Serenade und Notturno blicken bewusst auf ältere Formen zurück.

Drei der Sätze entstanden für Boris Pergamenschikow, der sie im Dezember 1994 uraufführte. Ishizaka war sein Schüler und spielte damit ein Stück, das für seinen Lehrer geschrieben wurde. Die äußerste Fokussierung, die er über vier Sätze aufrechterhielt, und die hörbare Perfektion in der Gestaltung jedes einzelnen Tons ließen die Hörer fasziniert zurück.

Das Publikum dankte mit lang anhaltendem Applaus – es hatte eine der magischen Rutesheimer Cellonächte erlebt. Am Dienstag setzen die Dozenten der Cello Akademie ihre Kammermusikreihe mit „Meister im Dialog“ fort.

 

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